Komentar zur Geschichte der Wissenstradierung

Die beiden ersten Lerneinheiten hatten im Wesentlichen die Geschichte der Wissenstradierung, bzw. –konservierung zum Ziel. Wesentlich waren vor allem die Umbrüche von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit, und von der Schriftlichkeit zur Digitalisierung der Daten. Zwischen dem zweiten Umbruch stehen quasi als Zwischenstufen noch die Einführung von Karteikarten, sowie die mechanische Aufzeichnung.
Mit diesen Umbrüchen sind natürlich auch ideologische und kulturelle Veränderungen stark verbunden. Wie Marshall McLuhan schon in den 1960er Jahren konstatierte, vermittelt das Übertragungsmedium nicht nur eine Botschaft, es selbst ist die Botschaft. Dieser Ansatz wird durch die Geschichte bestätigt: Die „Erfindung“ der Schrift ermöglichte lokale und temporale Unabhängigkeit; der Buchdruck erschloss einer breiten Bevölkerungsschicht den Zugang zu unterschiedlichem, zum Teil revolutionärem Wissen, die Digitalisierung schließlich verkörpert durch das Internet die Idee einer multimedialen, globalen Wissensquelle, die jedem Menschen zum Meinungsaustausch und zur Weiterbildung offensteht. Diese Systeme bauen ihre neue(n) Komponente(n) auf dem vorangegangenen System auf, was aber nicht bedeutet, dass das alte dadurch den Abstieg in die Vergessenheit antritt.
Gerade in den Geisteswissenschaften ist das Buch auch heute, knapp 550 Jahre nach Erfindung des Buchdrucks, immer noch das Leitmedium schlechthin. Es existieren also verschiedene Medien nebeneinander, wobei ein gegenseitiger Austausch stattfindet: Das neue Medium kann auch das alte beeinflussen, z.B. bei der Gliederung von Büchern. Daher bleiben Medien nicht statisch: Sie sind vielmehr ständig Veränderungen unterzogen und passen sich an vorherrschende Notwendigkeiten und Gebräuche an. Besonders die EDV erlaubt seit ca. 1985, dass Modifikationen in immer kürzeren Zeitabschnitten vorgenommen werden. Das „Grundgerüst“ bzw. die Gestalt des Mediums aber bleibt über die Zeiten unverändert.
In der Geschichtswissenschaft wiederum bilden nun Monographien, Enzyklopädien, wissenschaftliche Aufsätze, Kommentare, Forschungsberichte, aber auch Quellen wie genealogische, heraldische oder kalendarische Tafeln das Rückgrat der Medien. Vor allem in den letzten Jahren zeichnet sich aber ein interessanter Dualismus der Leitmedien ab: Zwar sind Bücher die führende Wissensquelle, der Zugang zu ihnen über die klassische Bibliothek wird aber langsam durch digitalisierte, eingescannte „Online-Bibliotheken“ und Lernplattformen abgelöst. Die angebotene Literatur wird in der Regel dennoch wieder ausgedruckt, trotzdem erscheint der Weg zur realen Bibliothek schon beinahe „unnötig“ und muss nur noch bei eigener Wissensrecherche (bzw. in 10 Jahren vielleicht gar nicht mehr) angetreten werden.
Umbrüche vollziehen sich daher ständig und sind fixer Bestandteil der Wissenschaftsgeschichte.
Schmale - 6. Apr, 11:16

Schmale

Sie haben wirklich wesentliche Gesichtspunkte herausgearbeitet. Ich würde noch die Enthierarchisierung des Wissenszuganges herausstellen.

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Schmale
Sie haben wirklich wesentliche Gesichtspunkte herausgearbeitet....
Schmale - 6. Apr, 11:16
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Die beiden ersten Lerneinheiten hatten im Wesentlichen...
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